Bald werden die besten Radsportlerinnen der Welt auf den Strassen der Westschweiz unterwegs sein. Sie werden schnell fahren – sehr schnell – vor den Kameras und den Zuschauermengen der Tour de France Femmes avec Zwift. Vor wenigen Tagen gehörten diese Strassen einem anderen Peloton: vierzehn Frauen zwischen 21 und 65 Jahren, aus verschiedenen Vereinen, Communities und mit unterschiedlichen Hintergründen, mit ihren Stärken, ihren Zweifeln und einem gemeinsamen Ziel: gemeinsam Lausanne zu erreichen.
Road to Lausanne hatte keine Rangliste und kein Podium. Trotzdem gab es viele Siege: den Start zu wagen, ohne die anderen Teilnehmerinnen zu kennen, eine Distanz zu bewältigen, die man sich zuvor vielleicht nicht zugetraut hätte, auf eine Fahrerin zu warten, gemeinsam eine Panne zu beheben und schliesslich in Ouchy anzukommen – mit dem Gefühl, etwas Grosses geschafft zu haben.
Vielleicht genau darin liegt die wahre Bedeutung der Inspiration durch die Tour. Es geht nicht nur darum, die Profis zu bewundern. Die Tour kann auch lokale Velogemeinschaften stärken, neuen Fahrerinnen Vertrauen geben und aus einer vagen Idee ein echtes Erlebnis machen.
Die Tour macht Frauenradsport sichtbar
Vom 10. bis 12. Juli verbanden die Teilnehmerinnen von Road to Lausanne Genf und Lausanne mit dem Velo – über Yverdon-les-Bains und Aigle. Fast 260 Kilometer, rund 2500 Höhenmeter, viel Hitze, einige technische Probleme, Lachen, Tränen und vor allem eine gemeinsame Erfahrung, die weit über eine sportliche Herausforderung hinausging.
Nur wenige Tage vor dem Grand Départ der Tour de France Femmes avec Zwift in der Westschweiz fuhren sie auf den gleichen Strassen, auf denen bald die besten Fahrerinnen der Welt unterwegs sein werden.
Die Tour bietet dem Frauenradsport eine einzigartige Sichtbarkeit. Sie zeigt die Weltspitze, schafft starke Bilder und gibt jungen Fahrerinnen neue Orientierung. Sie macht Träume greifbarer. Während zweier Tage begleiteten junge Athletinnen von Valais Cycling die Gruppe. Ihre Anwesenheit schuf eine direkte Verbindung zur nächsten Generation von Rennfahrerinnen.
Eleanor Goodricke, eine der jungen Fahrerinnen, beschreibt dieses Gefühl:
«Wenn man auf den Strassen der Tour de France fährt, fühlt man sich den Profis näher. Es inspiriert uns und man denkt: Eines Tages können wir das auch schaffen.»
Für diese jungen Athletinnen war das Fahren auf der Tour-Strecke nicht nur symbolisch. Es war eine Möglichkeit, sich vorzustellen, wohin der eigene Weg führen kann, und sich den Vorbildern näher zu fühlen, die sie sonst nur aus der Distanz verfolgen.
Inspiration wird zugänglich
Road to Lausanne wollte weder die Tour de France kopieren noch die Erfahrung der Teilnehmerinnen mit jener der Profis vergleichen. Das Projekt wollte zeigen, dass auch ohne Palmarès, besonderen Status oder Leistungsdruck ein anspruchsvolles und prägendes Abenteuer möglich ist.
Mehr als 60 Frauen haben sich beworben, vierzehn wurden ausgewählt. Sie waren zwischen 21 und 65 Jahre alt, hatten unterschiedliche Erfahrungen, verschiedene Velohintergründe und teilweise Zweifel, ob sie eine solche Distanz schaffen würden. Die vielen Bewerbungen zeigen: Der Wunsch nach solchen Erlebnissen ist vorhanden. Viele Frauen suchen Möglichkeiten, sich ein Ziel zu setzen, Teil einer Gruppe zu werden oder ein Abenteuer zu wagen, das sie alleine vielleicht nicht begonnen hätten.
«Wenn man die Vielfalt der Altersgruppen, Erfahrungen und Motivationen in der Gruppe sieht, versteht man, wie verbindend der Radsport ist», erklärt Lillie Rumpf alias Cycling Heidi, Initiatorin von Road to Lausanne. Ihre Motivation war einfach:
«Wir wollten zeigen, dass wir gemeinsam stärker sind. Während drei Tagen habe ich Frauen gesehen, die sich vorher nicht kannten, sich gegenseitig unterstützt, gemeinsam Velos repariert und ihr Tempo angepasst haben, damit alle das Ziel erreichen konnten. Der Erfolg bestand nicht nur aus Kilometern oder Geschwindigkeit. Es ging vor allem um die Aufmerksamkeit füreinander.»
Mit jeder Etappe rückten die Leistungsunterschiede immer mehr in den Hintergrund. Die Gruppe entstand durch die kleinen Momente: eine Pause am Strassenrand, eine Reparatur, eine Verpflegung, eine zusätzliche Erholungspause oder ein paar aufmunternde Worte in einem Anstieg.
In Aigle übernachteten die Teilnehmerinnen im Centre Mondial du Cyclisme UCI – gemeinsam mit Athletinnen und Athleten, die dort leben und trainieren. Dieser Aufenthalt an einem Ort des Spitzensports verstärkte die Verbindung zwischen Alltagssport, persönlichen Zielen und der professionellen Welt.
Bereits aktive Communities
Road to Lausanne entstand nicht aus einer isolierten Gruppe. Die Teilnehmerinnen repräsentierten verschiedene Vereine und Velogemeinschaften: Fast and Female Geneva, Let’s Ride Ladies, Patrouille Cycling Club, Broomwagon.cc, Vélo Rando TCS, Cyclomaniacs, Fast and Female Ägeri, Belga Sport und Morges Bike Ladies.
Diese Netzwerke halfen dabei, das Projekt bekannt zu machen, Bewerbungen zu verbreiten, die Reise zu begleiten und die Inhalte während der drei Tage zu teilen. Dadurch erreichte Road to Lausanne weit mehr Menschen als nur die vierzehn Teilnehmerinnen auf der Strecke.
Diese Communities spielen eine zentrale Rolle. Sie schaffen Räume, in denen es einfacher wird, an einer Ausfahrt teilzunehmen, andere Velofahrerinnen kennenzulernen, Fortschritte zu machen und seinen Platz zu finden.
Die Bilder, Videos und Geschichten wurden von Teilnehmerinnen, Partnern und Frauenvelo-Communities in der Westschweiz breit geteilt. Sie zeigten nicht nur Leistung, sondern vor allem Frauen, die gemeinsam fahren, sich unterstützen und stolz auf das Erreichte sein können.
Ein Vermächtnis, das nicht nur in Kilometern gemessen wird
Das Interesse an Road to Lausanne zeigte sich bereits bei der Ausschreibung und danach in der Art und Weise, wie das Projekt verfolgt und geteilt wurde. Doch das eigentliche Vermächtnis liegt woanders.
Es liegt in den Beziehungen, die während dieser drei Tage entstanden sind. Im neuen Vertrauen, das einige Teilnehmerinnen in ihre eigenen Fähigkeiten gewonnen haben. In der Inspiration der jungen Athletinnen von Valais Cycling. In der Sichtbarkeit der lokalen Communities. Und darin, dass vielleicht weitere Frauen diese Bilder gesehen haben und dachten: «Das könnte ich auch versuchen.»
«Ich hoffe, dass das Projekt den Teilnehmerinnen und dem Publikum gezeigt hat, dass wir mehr schaffen können, als wir glauben», sagt Lillie. «Man muss nicht an der Tour de France teilnehmen, um etwas zu erreichen, worauf man stolz sein kann. Für manche ist dieser Erfolg eine Fahrt über 260 Kilometer. Für andere ist es, einer Gruppe beizutreten, ohne jemanden zu kennen, wieder aufs Velo zu steigen oder sich einfach ein Ziel zu setzen.»
Der Grand Départ wird bald die besten Fahrerinnen der Welt ins Rampenlicht stellen. Road to Lausanne zeigt, wie diese Aufmerksamkeit auch ausserhalb des Rennens weiterwirken kann – in Vereinen, lokalen Gruppen und persönlichen Geschichten.
Die Tour inspiriert. Die Communities machen diese Inspiration zugänglich. Die Teilnehmerinnen geben ihr eine konkrete Form.
Vielleicht bringt es Fiona Riat, eine der Teilnehmerinnen, am besten auf den Punkt:
«Ich war etwas nervös, weil ich niemanden kannte. Nach drei Tagen waren aus Unbekannten Freundinnen geworden. Also Frauen: Nehmt eure Velos und fahrt los. Das Leben ist zu kurz, um darauf zu verzichten!»
Road to Lausanne ist ein Projekt unterstützt durch den Kanton Waadt und den Grand Départ Suisse Lausanne. Es wird getragen von der Association cycliste cantonale vaudoise (ACCV) in Zusammenarbeit mit Cycling Heidi, Valais Cycling, dem Centre Mondial du Cyclisme UCI, dem Hôtel du Théâtre in Yverdon-les-Bains, Montreux-Vevey Tourisme und cycliste.ch.